Freitag, 23. März 2007

24 Stunden für alle

24 Stunden für alle


In einer gut sortierten Enzyklopädie fände man 24-Stunden-Ausstellungen vermutlich in der Kategorie "Dinge, die man nicht erklären kann, sondern erleben muss". Denn 24-Stunden-Ausstellungen sind anders. Sie sind nicht bemüht anders wie ein Restaurant, das sich von der Konkurrenz abheben will, oder wie eine Stadt, die krampfhaft nach einem Alleinstellungsmerkmal sucht, einer Unique Selling Proposition. Sie sind auch nicht virtuos anders wie ein Kurator, der den Trends des Kunstbetriebs immer einen Schritt voraus ist. 24-Stunden-Ausstellungen sind anders, weil sie all diese Kämpfe und Eitelkeiten nicht nötig haben.

24-Stunden-Ausstellungen entstehen nicht am Reißbrett auf halben Weg zwischen Direktion und Marketingabteilung. Sie machen sich weit größere dynamische Prozesse zu Nutze, sie moderieren das Potential einer kreativen Masse, anstatt auf den Genius einzelner Bevollmächtigter zu setzen. Zufälle kuratieren ebenso mit wie die Einfälle aller Beteiligten. Thilo Egenberger und Karsten Wendt, die sich über die Jahre hinweg als die Macher der Schau herauskristallisiert haben, bleiben im Hintergrund. Richtungen geben sie nur zaghaft vor, in erster Linie organisieren und schaffen sie Freiräume. Da beide in der Leipziger Kulturszene verankert sind – nicht zuletzt in der Off-Szene zwischen Bimbo Town, Noch Besser Leben, UT Connewitz und Zoro –, können sie bei der Wahl spannender Orte und pointierter, nicht selten auf den Nerv der Zeit zielender Titel auf breites Wissen zurückgreifen.

Am Anfang steht oft ein Eindruck, ein Erlebnis, ein Gefühl. Das Wir-Schlafen-Nie der New Economy, gepaart mit dem Tempo im vernetzten globalen Dorf, gepaart mit der Sehnsucht nach gesellschaftlicher Veränderung, fand gewissermaßen Ausdruck in der 24-Stunden-Ausstellung "ZEITist" (2002), die Dank Umstellung auf Winterzeit 25 Stunden dauerte. Zur Ausstellungsidee muss dann ein passender Ort gefunden werden. Anschließend werden Künstler zu Ortserkundungen und Frühstücken eingeladen, wobei "Künstler" bewusst weit gefasst wird, einen Akademieabschluss muss niemand vorweisen. Nach und nach nimmt die Ausstellung Konturen an. Work in progress bis zur letzten Sekunde (und mitunter darüber hinaus).

2007 lautet der Ausstellungstitel "Kunst ist kein Spaß", nicht zuletzt angeregt durch Lokalpolitiker, die alternative Kulturprojekte belächeln oder gar zerschlagen wollen. "Kunst ist kein Spaß" wird am Samstag, den 23. Juni 2007, von null Uhr bis 24 Uhr in der ehemaligen Armaturenfabrik (Karl-Heine-Straße 87-93) stattfinden. Es wird die dreizehnte 24-Stunden-Ausstellung sein.

Die erste, "Gefährliche Habenichtse", veranstalteten die Künstler Thomas Matthäus Müller, Andreas Tauber und Harald Alff 1993. Die Bewohner einer WG in der Leipziger Riemannstraße 44 griffen die Idee auf und führen sie als ortlose und nichtkommerzielle GalerieRieRiemann bis heute in wechselnder Besetzung weiter. Das Konzept "Kunst ist für alle da" will Kunst und Künstler an anderen Orten als den etablierten präsentieren und nicht zuletzt Berührungsängste abbauen.

Text: Hendrik Pupat

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